Zum Wein-Bashing in den Medien: Wein=Alkohol=böse??

"Der missionarische Nüchternheitsdrang (von Bruno Schulz)

Es gehört inzwischen zum guten Ton, Alkohol nicht mehr zu kritisieren, sondern zu entlarven. Nicht zu hinterfragen, sondern zu pathologisieren. Wer heute ein Glas Wein erwähnt, bekommt selten eine Gegenfrage, sondern eine Fußnote. Zellgift. Karzinogen. Neurotoxin. Alles korrekt. Alles verkürzt. Alles in einer Tonlage vorgetragen, die keinen Unterschied mehr kennt zwischen einem Glas am Tisch und dem Kontrollverlust im Rinnstein.

Das Problem ist nicht die Forschung. Das Problem ist der Gestus, mit dem sie benutzt wird. Denn was sich derzeit ausbreitet, ist weniger Aufklärung als Mission. Ein moralisch aufgeladener Nüchternheitsdiskurs, der jede Form von Genuss rückwirkend zur Vorstufe einer Suchtkarriere erklärt. Der das Glas Wein in eine Art Christiane-F.-Narrativ zwingt: erst der Schluck, dann der Abstieg, dann das Elend. Wer widerspricht, gilt wahlweise als naiv, abhängig oder unbelehrbar. Differenz ist in diesem Modell nicht vorgesehen.

Dabei weiß die Forschung selbst sehr genau, was dieser Diskurs gern unterschlägt: Alkohol wirkt kontextabhängig. Konsummuster sind entscheidend. Frequenz, Menge, soziale Einbettung, Motivation. Genuss- und Wirkungstrinken sind nicht dasselbe, auch wenn sie denselben Stoff verwenden. Wer das bestreitet, argumentiert nicht wissenschaftlich, sondern ideologisch. Es ist ein Unterschied, ob jemand trinkt, um etwas zu schmecken, oder um etwas nicht mehr zu fühlen. Ein Unterschied, ob ein Glas Teil eines Essens ist oder Mittel zur Selbstmedikation. Ein Unterschied, ob Wein eingebettet ist in Ritual, Kultur, Gespräch – oder ob er lediglich als billiger Wirkstoff dient. Diese Unterschiede zu ignorieren, mag kommunikativ bequem sein, ist aber analytisch unseriös. Und es ist genau diese Unseriosität, die sich heute gern als moralische Überlegenheit tarnt. Der personifizierte Zeigefinger ersetzt die Argumentation. Wer nicht verzichtet, muss sich rechtfertigen. Wer genießt, gilt als latent gefährdet. Genuss wird zur Verdachtskategorie. Das Absurde daran: Niemand käme auf die Idee, die jahrtausendealte Kultur des Essens mit den gleichen Maßstäben zu beurteilen wie eine Essstörung. Niemand würde Brot, Zucker oder Fett pauschal als Einstiegsdroge diffamieren, nur weil sie missbräuchlich konsumiert werden können. Beim Alkohol hingegen scheint diese Verkürzung gesellschaftlich anschlussfähig zu sein. Vielleicht, weil sie sich so gut zur Selbstveredelung eignet. Wer verzichtet, signalisiert Disziplin. Wer mahnt, signalisiert Verantwortung. Wer differenziert, stört.

Es geht mir hier ausdrücklich nicht um Verharmlosung! Alkoholismus ist eine schwere Erkrankung. Abhängigkeit zerstört Leben. Darüber gibt es nichts zu diskutieren. 

Aber gerade deshalb ist es fahrlässig, alles in einen Topf zu werfen. Wer Genuss- und Wirkungstrinken gleichsetzt, hilft keinem Abhängigen und versteht keinen Genießenden. Er verwischt Kategorien, wo Klarheit nötig wäre. Die Geschichte des Weins ist keine Randnotiz der Zivilisation. Sie ist Teil ihrer Struktur. Wein war nie nur Rauschmittel, sondern Nahrungsmittel, Handelsgut, Kultobjekt, sozialer Kitt. Ihn heute ausschließlich als toxisches Problem zu behandeln, heißt, Kulturgeschichte auf Biochemie zu reduzieren. Das mag naturwissenschaftlich korrekt klingen, ist aber kulturell blind. Was wir bräuchten, ist kein weiterer Alarmruf, sondern Unterscheidungsvermögen. Zwischen Risiko und Ritual, Maß und Maßlosigkeit, Aufklärung und Bevormundung. Wer dazu nicht bereit ist, wer jede Differenz verweigert und jeden Genuss unter Generalverdacht stellt, besitzt vielleicht die besseren Schlagzeilen – aber nicht die größere Expertise. Denn Expertise zeigt sich nicht im Lautsein des Warnens, sondern in der Fähigkeit, Komplexität auszuhalten."